Rogge rockt
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| | | April 2012 Die Zwischenzeit |
Die „Zwischenzeit“, die Zeit zwischen dem fünften und elften Lebensjahr, stellt eine Vorbereitung auf die Stürme der Pubertät dar, eine Zeit, in der man sich für die Herausforderungen wappnet, denen man sich später zu stellen hat. Diese „Zwischenzeit“ hat es gleichwohl in sich.
Diese Phase ist keineswegs so ruhig, wie es sich Eltern manchmal wünschen: Auf der einen Seite können Jungen wie Mädchen fundamentalistisch, übermoralisch sein –sie essen kein Fleisch, finden Eltern, die Alkohol trinken und Zigaretten rauchen, „völlig unmöglich“. Aber dann überschreiten sie wie selbstverständlich Grenzen, tun Verbotenes, weil es Spaß macht, oder sind zu Grausamkeiten fähig. Sie quälen Tiere oder lassen Käfer im Wasser um ihr Überleben kämpfen.
Als ich neulich zwei Achtjährige, die einen Marienkäfer beobachteten, wie der sich in einer Pfütze abmühte, nicht abzusaufen, darauf ansprach, sie sollten ihn doch retten, meinte der eine Junge ganz kühl: „Der macht hier seinen Freischwimmer.“ Ob ich denn das nicht sehen würde.
Die Zwischenzeit stellt sich auch dar als Abgrenzung gegenüber den jüngeren Kinder, den „Kleinen“. Die Volksschulzeit hört auf, der Blick richtet sich nach vorn. Da will man mit den Sechs- oder Siebenjährigen, die von nichts, aber rein gar nichts eine Ahnung haben, kaum noch etwas zu tun haben.
Und die Kindergartenzeit liegt eine Ewigkeit zurück. Man erwartet Achtung von den Jüngeren, man will, dass sie aufblicken, dem Alter „Respekt“ zollen.
Nicht selten erhält in Familien die Geschwisterrivalität dann nochmals eine besondere Qualität. Die Älteren gehen mit ihren jüngeren Geschwistern geringschätzig um, behandeln sie von oben herab, lassen keinen Zweifel daran, wer das Sagen hat. Und wehe, die „Kleineren“ begehren auf, lassen sich nicht mehr alles gefallen –dann können die „Größeren“ ausgesprochen gemein und fies sein.
Der Blick richtet sich von nun an nach vorn. Es beginnt das körperliche Brodeln, das die Umgestaltung ankündigt, die man Pubertät nennt. Bei den Mädchen fängt diese Phase früher an als bei den Jungen. Das Gewohnte gilt nun nicht mehr, Offenheit ist angesagt. Man will die Verhältnisse zum Tanzen bringen, ihnen den Willen aufzwingen. Die Heranwachsenden fordern viel Freiheit, nehmen aber kaum Verantwortung wahr. Mithilfe im Haushalt ist ein Übel, unter aller Würde. Alle anderen dürfen eh immer mehr, man fühlt sich eingeschränkt, nicht anerkannt, als kleines, unmündiges Kind behandelt. Und dabei ist man schließlich schon fast erwachsen.
Aber –und das ist nur ein scheinbarer Widerspruch- zugleich macht die Freiheit, nach der man verlangt, auch Angst. Und so steckt in einem elfjährigen Kind, das körperlich groß ist und entsprechend respektiert werden will, zugleich ein „kleines“, das viel emotionalen Zuspruch braucht, das manchmal -wenn auch unsichtbar- an die Hand genommen werden möchte, weil Freiheit und Offenheit eben nicht allein eine Herausforderung darstellen, sondern auch klein und zaghaft machen können.
Auch wenn Eigenständigkeit, wenn Abgrenzung zu den Eltern, wenn das Zusammensein mit Gleichaltrigen angesagt ist, bleiben Vater und Mutter, bleibt die Welt der Erwachsenen wichtig, weil sie Verlässlichkeit darstellt.
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| | | März 2012 Über das Trotzalter |
„Ich habe mir das mit dem Trotzen nicht so schwierig vorgestellt. Da kommt man ständig an seine Grenzen!“
„Und immer der Gedanke, mache ich jetzt bloß keinen Fehler? Diese Selbstzweifel, mein Gott!“
„Warum müssen diese Wutausbrüche dann kommen, wenn Besuch da ist oder wenn ich ihn vom Kindergarten abhole? Es ist zum Wahnsinnigwerden!“
Das sind Aussagen von Müttern und Vätern über ihre Kinder im Trotzalter, über die „kleinen Monster“ –so eine Mutter mit liebevollem Glanz in den Augen- zwischen dem ersten und fünften Geburtstag. Es ist eine Mischung aus Wehklagen und Anklagen, aus Zweifel und Selbstzweifel, aus Machtgelüsten und Ohnmacht, aus Verständnis und Unverständnis, aus Hilflosigkeit und Helfen-Wollen, aus „Was soll ich nur noch machen?“ und „Jetzt reicht es aber!“, die einem in Gesprächen mit Eltern entgegenschlägt.
Viele Eltern haben zwar von dem unausweichlichen Trotzalter der Kleinen gehört –aber wenn das trotzende Kind mit der Urgewalt eines Tornados in das Familienleben einbricht und vieles hinwegfegt, was sich an Ritualen und Gewohnheiten ausgebildet hat, ist nichts mehr so, wie es war.
Gleichwohl gibt es typische Anlässe und Situationen, in denen sich der Trotz blitzschnell aufbaut und sich alle Beteiligten gegenseitig hochschaukeln:
° Da flippt das Kind völlig aus, weil es gerade in sein Spiel vertieft ist und den elterlichen Satz: „Komm, wir müssen los!“ als persönliche Beleidigung wahrnimmt.
° Da lässt es sich nicht waschen, empfindet das Zähneputzen als eine unerträgliche Qual und als Ausdruck elterlicher Machtausübung.
° Da trödelt es beim Anziehen und Essen, weil es noch kein wirkliches Zeitgefühl entwickel hat. Und je drängender die Eltern, umso ruhiger werden die Kinder.
° Da eskaliert die Abholsituation im Kindergarten: Die Eltern freuen sich auf ihr Kind, das Kind möchte noch gern bleiben.
Gerade weil die Realität so viel verlangt, zieht sich das Kind aus ihr zurück, indem es im Trotzanfall die Bezüge zur Wirklichkeit kappt, indem es ausflippt, neben sich steht. Das führt gleichermaßen zur Erschöpfung wie zur Erleichterung.
Jedes Kind kommt in das Trotzalter, ob nun heftig aufbrausend oder eher moderat. Das hängt weniger von den pädagogischen Fähigkeiten der Eltern als vom Temperament eines Kindes ab. Trotz lässt sich nicht vermeiden. Er stellt einen wichtigen Entwicklungsabschnitt im Leben des Kleinkindes dar. Und genauso wenig lassen sich Trotzanlässe präventiv umgehen. Jede Situation, und sei sie noch so gut vorbereitet, kann jederzeit eskalieren. Und schon ist man von Rumpelstilzchen umgeben.
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| | | Februar 2012 Kinder, Väter und die fehlende Zeit |
„Ich mag’s kaum sagen“, erzählt ein Vater, „ich mag meine drei Kinder, bin gerne mit ihnen zusammen. Aber ich finde meinen Beruf auch toll. Dort tanke ich kraft und deshalb kann ich mich auch den Kindern so widmen.“ – „Aber“, wirft Joachim Wild, Vater zweier Töchter, zehn und zwölf Jahre, vehement ein, „du bist sowieso der letzte Trottel. Wenn du Kinder erziehst, schauen dich alle, schauen dich deine Arbeitskollegen verdammt komisch an. Irgendwo stehst du mit anderen in Konkurrenz, weil du denen ein schlechtes Gewissen machst.“
Diese Ausschnitte aus einer Gesprächsrunde umschreiben Probleme, die der Volksmund plastisch zusammenfasst: Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr. „Väterlichkeit“ im Alltag zu leben, heißt: Widersprüche zu erkennen und auszuhalten. Obgleich Männer häufig darauf verweisen, wie bedeutsam die Familie für ihre Identitätsfindung ist, so hat der Beruf doch für viele Priorität. Zudem ist die Arbeitswelt stark auf Männer zugeschnitten. Das macht es Frauen wiederum schwer, eigene berufliche Bedürfnisse zu verwirklichen.
Die fehlende Vereinbarkeit von Arbeits- und Familienleben endet für manche Väter in einem Teufelskreis: Weil sie sich zu Hause ausgeschlossen fühlen oder selber ausgrenzen, fliehen sie in den Beruf. Damit vergrößert sich der Abstand zur Familie. Gleichwohl sind viele Väter bereit, Erziehungsverantwortung für ihr Kind zu übernehmen. Das bringt widersprüchliche Erfahrungen mit sich. Solch verhalten wird kritisch, ja sogar misstrauisch beäugt –von Kollegen und Freunden, Nachbarn und Geschlechtsgenossen.
Und auch manche Mutter empfindet die väterliche Umorientierung als einen Eingriff in den eigenen Wirkungskreis, empfindet den „neuen Mann“ als Konkurrenten. Die verstärkte Einbeziehung des Vaters in die Familienerziehung führt nicht automatisch zu besserer Arbeitsteilung und mehr Harmonie, sondern kann mit Stress und Auseinandersetzung verbunden sein. Absprachen und verlässliche Arrangements zwischen Mann und Frau, bzw. Vater und Mutter sind dann notwendiger denn je.
Für Väter gilt dabei:
° Sie sollten nicht aus dem einen Extrem (z.B. Aufgehen im Beruf) in das andere Extrem (omnipotenter, alles könnender Vollzeitvater sein) verfallen.
° Und sich nur allgemein vorzunehmen, zukünftig mehr Zeit für die Kinder zu haben, ist genauso abstrakt wie der Vorsatz, den Kindern jeden Abend eine Geschichte vorzulesen. Praktikabler und ermutigender kann es sein, z. B. jeden zweiten Abend oder mindestens einmal pro Woche –je nach Arbeit und Alltagssituation- fünfzehn Minuten früher nach Hause zu fahren, um mit den Kindern ein Spiel- oder Geschichtenritual zu entwickeln und auch durchzuhalten.
Kleine praktikable Schritte ermutigen, den begonnenen Weg fortzusetzen.
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| | | Januar 2012 Kinder brauchen Großeltern - und umgekehrt |
Großeltern verkörpern Geschichte und dies nicht allein dadurch, dass sie Geschichten von früher erzählen. Sie stehen für eine Vergangenheit, die in das Heute hereinreicht.
Enkelkinder nehmen, die Erfahrungsvorsprünge und das Wissen der Großeltern umso eher an, je weniger damit Besserwisserei verbunden ist. Großeltern werden von Enkelkindern dann als Partner akzeptiert, wenn auch sie bereit sind, von ihren Enkelkindern zu lernen, ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten anzuerkennen.
Großeltern verkörpern ein wichtiges Lebensprinzip: Dass die Wirklichkeit eine ständige Abfolge von Umbrüchen und Herausforderungen ist, ohne dass dabei das Gefühl von Kontinuität auf der Strecke bleiben muss. Dadurch dass sie Krisen bewältigt und das Auf und Ab des Lebens durchlebt und durchlitten haben, erwerben Großeltern bei ihren Enkeln Anerkennung, erringen sie ein Stück Unsterblichkeit –auch dann, wenn Vieles nicht so fortgeführt werden kann, wie es die Großelterngeneration gemacht hat.
Unterstützen sich Eltern und Großeltern und halten dabei eine Balance zwischen Nähe und Distanz, kann das für Väter und Mütter manche Erleichterung in Erziehungsfragen bringen. Enkelkinder erleben Eltern und Großeltern in verschiedenen Rollen und unterschiedlichen Lebensetappen: Während Eltern materiell versorgen, Sicherheit und Geborgenheit vermitteln, Normen und Werte vorleben, eben für die Alltagsgeschäfte zuständig sind, verkörpern Großeltern Tradition und Geschichte, sind lebendiges Modell dafür, wie sich die Entwicklung eines Einzelnen als Nacheinander, als stetiges Auf und Ab darstellt.
Großeltern haben aber auch direkten Einfluss auf die Erziehung, stellen sie doch „Elternfiguren in zweiter Linie“ dar, die mit den Eltern kooperieren und hin und wieder –bei überzogenen elterlichen Reaktionen- mäßigend und entspannend eingreifen.
„Ich empfinde es als schön,“ so beschreibt Elfriede Hubert, Oma von zwei Enkelkindern, ihre Situation, „dass die beiden Kleinen da sind. Ich weiß, meine Tochter findet es auch gut, dass ich in der Nähe bin. Aber insgesamt halte ich mich zurück. Ungefragten Rat gebe ich nicht.“
Großeltern-Sein ist eine beglückende und erfüllende Etappe, verleiht dem Leben Sinn. Und im Kontakt von Großeltern und Enkelkindern werden unterschiedliche Erfahrungen ausgetauscht:
Während die einen von einer Vergangenheit berichten, deren Spuren die Gegenwart prägen, entwickeln die anderen Zukunftsperspektiven, gehen unbekannte Wege und prüfen, welche geschichtlichen Erfahrungen in den Reiseproviant gehören, um für das Neue gerüstet zu sein. Doch viele Großeltern wollen sich nicht komplett von Kindern und Enkelkindern vereinnahmen lassen. Sie möchten eine „Intimität auf Abstand“. Sie können erziehen, aber sie können’s auch lassen. Gerade diese Kombination aus Freiheit und Freiwilligkeit bringt jene Gelassenheit hervor, die Enkelkinder so schätzen und die Eltern, die im Alltagsstress gefangen sind, oft so neidisch und wütend macht.
Die Zeit, die Großeltern in die Familienerziehung einbringen, kommt allen Beteiligten zugute: Den Großeltern, die sich durch die Beschäftigung mit den Enkelkindern in ihrer Persönlichkeit weiter entwickeln, den Eltern, die das großelterliche Engagement als Entlastung und Bereicherung begreifen können, und den Enkeln, die in den Großeltern Bezugspersonen haben, auf die man sich verlassen kann.
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| | | Dezember 2011 Die Dramaturgie des Trotzanfalls |
„Sie haben“ schreibt mir die Mutter des vierjährigen Lukas, „neulich vom Trotzanfall berichtet und gemeint, er verlaufe meistens nach einem bestimmtet Muster. Wenn das so ist, kann man ihn dann nicht vermeiden?“
Auch wenn der Trotzanfall einer bestimmten Dramaturgie folgt, verhindern lässt er sich nur schwer. Und dies, obwohl die Zutaten, die dazugehören, bekannt sind. Aber es sind nicht die Zutaten allein, die letztlich den Gefühlsausbruch hervorrufen. Es ist ihre explosive Mischung. Diese hängt wiederum von der psychischen Befindlichkeit der Mitspieler ab, die bei diesem Drama in mehreren Akten agieren: Ein müdes Kind platzt schneller als ein hellwaches, bei einem quengelnden Kind, das schon ein paar Frustrationen erlebt hat, reicht der kleinste Tropfen, um das Fass zum Überlaufen zu bringen.
Der Trotzanfall weist mehrere Akte auf:
1. Akt
Das Kind will etwas und setzt sich nicht durch. Oder das Kind überschätzt sich in seinem Können und scheitert ständig. Oder das Kind kann schon etwas, aber nun misslingt es ihm immer wieder. Der Trotzanfall hat also viele Hintergründe. Der Auslöser ist mehr oder minder nebensächlich. Ein Wort, eine Geste, eine Mimik von Vater oder Mutter und schnell stellt sich die Eskalation ein.
2. Akt
Das Kind rastet komplett aus. Es kommt zu einem Realitätsverlust beim Kind. Es steht völlig neben sich. Weder „gute“, beruhigende Worte noch Strafen, Schreien, schon gar nicht Schläge vermögen das Kind zu beruhigen, es wieder zu sich zu bringen. Auch die Dauer des Anfalls lässt sich nicht pädagogisch steuern: Manche Kinder flippen eine Minute aus, andere fünf oder zehn, und dann gibt es Kinder, die eine Viertelstunde und länger trotzen können. Während am Anfang des 2. Aktes das „Nein!“ und „Will nicht!“ noch einigermaßen zu identifizieren ist, gehen die Worte alsbald in helles Kreischen und Schreien, in eine Weinen und Wimmern über. Nur das Strampeln und Um – sich – schlagen, das Sich – auf – den – Boden – schmeißen oder das versteinert - undurchdringliche Gesicht deuten Widerstand und Blockade, Kompromisslosigkeit und Verweigerung an. Am Ende des 2. Aktes steht die totale Erschöpfung des Kindes.
3. Akt
Das Gefühlsdrama geht zu Ende. Das Happyend ist da. Das Kind fühlt urplötzlich Erleichterung – und dies, obwohl es gerade noch Berührung schroff abgelehnt, hatte ein freundliches Lächeln der Eltern dazugeführt, dass das Kind noch lauter schrie, weinte oder schluchzte, streckt es nun die Arme aus, lässt sich in den Arm nehmen, schmiegt sich fest an Vater oder Mutter, schnauft tief aus, den letzten Rest an Stress ausatmend.
Deshalb hat das Kind auch kein schlechtes Gewissen. Es fühlt sich nicht schuldig, hat sich der Trotz doch gar nicht gegen Vater und Mutter gerichtet. Dem Trotzanfall lag keine böse Absicht zugrunde._________________________________________________________________
| | | Oktober 2011 Frustration ist nicht
gleich Frustration |
Charlotte Ropers, Mutter des fünfjährigen Timo, bat um einen Beratungstermin.
„Mein Timmilein“, so eröffnete sie das Gespräch, „kommt immer wieder sehr traurig aus dem Kindergarten nach Hause. Er hat Tränen in den Augen, die über seine Wangen laufen. Timmilein steht da wie das personifizierte Unglück. Wenn er mir dann erzählt er würde im Kindergarten ständig geärgert, bin ich sauer. Wofür zahle ich schließlich Geld für den Kindergarten?“ Die Mutter wirkt entrüstet.
„Und was machen Sie, wenn Sie Ihren Timmi so sehen?“, will ich wissen.
Sie sieht mich an. „Ich frage ihn dann, ob ich da anrufen und mich beschweren soll über die unsensiblen Kinder und Erzieherinnen“, antwortet sie mit einer Stimme, aus der man den ärgerlichen Unterton heraushört.
„Was sagt Timmi dann?“, hake ich nach.
„Der schüttelt den Kopf.“ Charlotte Ropers schaut hilflos drein. „Und das macht mich noch ärgerlicher. ‚Ja, was willst du denn überhaupt?’ rufe ich dann. Und er steht da, wie ein Häufchen Elend. Seine Tränen fließen noch schneller. Ich bin völlig hilflos!“ Sie blickt mich an: „Ja, was würden Sie denn als Erstes machen, wenn Sie so ein unglückliches Kind vor sich stehen sehen?“
„Es in den Arm nehmen!“, entfährt es mir spontan. „Es einfach in den Arm nehmen und mal nichts sagen!“
„Aber ist das nicht zu einfach?“, insistiert sie.
„Es ist einfach, aber es ist nicht so leicht!“, entgegne ich schmunzelnd.
Wenn Klein- und Kindergartenkinder weinen, ihre Trauer zeigen, dann ist es wichtig, dass sie akzeptiert werden, man als Erwachsener ihre Gefühle annimmt. Halt und Geborgenheit, Anwesenheit und Zuwendung sind jene Mittel, die helfen und heilen. Kinder erholen sich schneller, wenn man auf ihren Schmerz eingeht, ihn nicht bagatellisiert.
Frustrationen gehören zum Leben, und eine wichtige Entwicklungsaufgabe auch für jüngere Kinder besteht darin, den Umgang mit Frustrationen zu erfahren und auszuhalten: Das Kindergartenkind will viel und überschätzt sich in seinen Fähigkeiten, es erlebt, dass es nicht allein auf der Welt ist und Dinge mit anderen teilen muss, und dass Mutter und Vater nicht jeden Wunsch erfüllen können.
Bei den Frustrationen muss man allerdings zwischenemotionalen und materiellen unterscheiden. Emotional sollten Kinder nicht frustriert werden, Sie brauchen das Gefühl, von ihren Eltern so angenommen zu sein wie sie sind, sie brauchen Verständnis für ihre Eigenart und ihr Temperament. Wer allerdings Kinder materiell ununterbrochen verwöhnt, der erzeugt Stillstand, motiviert nicht dazu, sich neuen Herausforderungen zu stellen, lässt Kinder orientierungs- und beziehungslos.
Kinder können, wenn sie in einem emotional ausgeglichenen Klima aufwachsen, materielle Frustrationen aushalten. Sie lernen dadurch nicht nur Frustrationstoleranz, sie werden auch angehalten, nach neuen Wegen und Möglichkeiten Ausschau zu halten, sich ihre materiellen Wünsche zu erfüllen.
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| | | September 2011 Trotz oder Ungehorsam?
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"Sie sprechen", so schreibt mir eine Mutter von zwei Buben, "vom Trotz, Sie erklären ihn genau und erwarten Verständnis für das trotzende Kind. Aber ist der Begriff umgangssprachlich nicht negativ besetzt? Meine Schwiegermutter sagt, man dürfe sich von solchen Kindern nichts gefallen lassen, sonst würden sie einem ständig auf dem Kopf herumtanzen."
Nun sei sie völlig durcheinander, endet ihr Brief: Was wäre denn nun wichtig, Strenge und Härte oder Verständnis gepaart mit Konsequenz? Der Begriff "Trotz" stellt einen zugegeben nicht besonders glücklichen Ausdruck dar, unterstellt er doch in der Alltagssprache Willkür und Bösartigkeit des Kindes. Manche sahen und sehen im Trotz eher eine pathologische Erscheinung, die bei normalen Kindern nicht vorkommen darf, ein grenzüberschreitendes Tun, das man durch erzieherisches Handeln einschränken, letztlich verhindern und unterdrücken muss.
Aus der Sicht des Kindes stellt die körperliche Komponente des Trotzes –das Sich-Spüren im Schreien, Weinen, Strampeln, Außer-sich-Sein- nur eine Facette dar. Der Trotz besitzt vor allem eine psychische Komponente. In ihm und durch ihn äußert sich kindliches Autonomiebestreben. Das Kind wird sich zunehmend seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten bewusst: Es läuft weg und kommt zurück, es nimmt Dinge auseinander und fügt sie wieder zusammen, es begreift vieles und versteht manches nicht.
Aus der Perspektive des Kindes hat Trotz mit einer kompetent werdenden Persönlichkeit zu tun: Mit Eigenständigkeit und Neugierde, mit Forscherdrang und Experimentieren, mit Leistungsbereitschaft und dem wachsenden Mut, Entscheidungen zu treffen- und seien sie noch so falsch. Das Kind fängt an, innere Spannungen zu fühlen zwischen dem, was es kann und noch nicht kann, zwischen dem, was es will und nicht darf. Manchmal schafft es, diesen Zwiespalt auszuhalten, doch häufig eben nicht. Dann entladen sich die Widersprüche im Trotzanfall. Das Kind verliert dabei den Bezug zur Realität, steht neben sich und anderen.
Trotz kann man vom Ungehorsam unterscheiden. Der Trotz erwächst aus Spannungszuständen. Er überkommt das Kind und es ist ihm mehr oder minder ausgeliefert. Der Trotzanfall hört auf, wenn sich die Spannungszustände reguliert haben.
Beim Ungehorsam entschließt sich das Kind aus freien Stücken dazu, Widerstand zu leisten. Deshalb ist der ungehorsam auch Ausdruck eines Machtkampfes zwischen Eltern und Kindern.
Mit dem Ungehorsam will das Kind Erwachsenen seinen Willen aufzwingen, sie gefügig machen. Kurz zusammengefasst: Das ungehorsame Kind will nicht anders, das trotzende Kind kann nicht anders.
Trotz ist keine rücksichtslose Haltung gegen die Eltern. Im Trotz drückt sich nicht Ablehnung von Vater und Mutter, gar Hass oder ein Infragestellen ihrer Autorität aus. Das trotzende Kind mag seine Eltern und möchte deshalb im Anfall das Gefühl erfahren, seinerseits auch gemocht zu werden.
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| | | Juni 2011 Augenkontakt und Berührung |
In Gesprächen mit Eltern fallen drei Problembereiche auf, die ihnen beim Grenzensetzen von jüngeren Kindern häufig Minderwertigkeits- und Versagensgefühle bereiten:
Svenja Krüger, Mutter der zweieinhalbjährigen Maren, klagt darüber, dass sie irgendwann doch ins Schreien verfalle, wenn ihre Töchter „zum hundertsten Male nicht hört, was ich sage. Ich flippe dann aus. Dann tut’s mir auch Leid. Aber ich kann’s irgendwie nicht ändern!“
Christiane Schiller, Mutter des knapp dreijährigen Sven, hält es, wie sie formuliert, lange aus, aber „irgendwann knallt’s dann. Dann kriegt Sven einen Klaps auf den Po, und dann tut er das, was ich will. Warum geht’s eigentlich nicht ohne Klaps? Ich komme mir dann so schlecht vor! Wie kann ich das nur verhindern?“
Eltern setzen Kindern häufig Grenzen mit Mitteln, die die Kinder entweder kränken, die ihre körperliche Unversehrtheit missachten oder sie überfordern. Kinder wollen erfahren, dass es Eltern mit dem Setzen von Grenzen ernst nehmen. Hierfür ist eine authentische Haltung der Eltern erforderlich, d.h., Körpersprache und die gesprochenen Anweisungen müssen übereinstimmen. Doppeldeutige Botschaften halten Kinder davon ab, Grenzen einzuhalten.
Je mehr Eltern ihren Kindern mit langen Vorträgen versuchen, Grenzen zu setzen, desto öfter scheitern sie. Kinder brauchen bei manchen Grenzen die körperliche Berührung –nicht Schläge !-, um zu spüren, dass Eltern fest zu ihrer Haltung stehen.
„Sven hört aber nicht! Er verlangt geradezu nach Schlägen“, so nochmals Christiane Schiller, den Faden des Gesprächs aufnehmend. Auf meinen erstaunten Blick hin, wiederholt sie: „Sven will wirklich Schläge!“
„Was ist das für ein Zeichen, das Ihnen Ihr Sohn damit geben will?“
Frau Schiller überlegt.
„Was geben Sie ihm, wenn er Klapse bekommt?“
„Körperkontakt!“, ruft sie spontan.
„Will er Körperkontakt? Berührung?“ Diese Frage lässt sie stutzig werden.
„Aber den bekommt er doch häufig genug“
„Das nehme ich an. Aber er will ihre Nähe auch in Konfliktsituationen. Er braucht dann Berührung, die ihn das ‚Nein!’ spüren lässt. Er möchte liebevolle Berührung, keinen Klaps.“
Körperliche Nähe, Berührung oder gefühlsmäßige Zuwendung sind freilich kein Allheilmittel, von ihnen ist abzuraten, wenn die emotionalen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern gestört sind oder wenn die körperliche Nähe –aus der Sicht der Kinder- als Drohung oder gar Strafe empfunden werden kann. Ist jedoch eine angenehme emotionale Basis vorhanden, ist das Kind an positive Körperkontakte gewöhnt, dann kann Nähe, kann Berührung –z.B. die hand auf die Schultern legen, die Hände fest anfassen- ein Kind nicht nur beruhigen. Nähe verleiht der durch Worte formulierten Grenze Nach-Druck, und dies ist wörtlich gemeint.
Nach-Druck hat nichts mit Unterdrückung zu tun. Nach-Druck
bedeutet vielmehr liebevolle Festigkeit. Denn die Festigkeit, mit der das Kind
berührt wird, lässt es die Ernsthaftigkeit der Eltern spüren. Wer jüngeren
Kindern Grenzen setzen will, kann den positiven Körperkontakt sehr früh einsetzen.
Er ist der beste Schutz vor dem Klaps, der immer dann kommt, wenn die verbalen
Argumente ausgehen, man nicht mehr weiter weiß.
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![]() | | Mai 2011 Die Zwischenzeit |
Die „Zwischenzeit“, die Zeit zwischen dem fünften und elften Lebensjahr, stellt eine Vorbereitung auf die Stürme der Pubertät dar, eine Zeit, in der man sich für die Herausforderungen wappnet, denen man sich später zu stellen hat. Diese „Zwischenzeit“ hat es gleichwohl in sich.
Diese Phase ist keineswegs so ruhig, wie es sich Eltern manchmal wünschen: Auf der einen Seite können Jungen wie Mädchen fundamentalistisch, übermoralisch sein – sie essen kein Fleisch, finden Eltern, die Alkohol trinken und Zigaretten rauchen, „völlig unmöglich“. Aber dann überschreiten sie wie selbstverständlich Grenzen, tun Verbotenes, weil es Spaß macht. Die Zwischenzeit stellt sich auch dar als Abgrenzung gegenüber den jüngeren Kinder, den „Kleinen“. Die Volksschulzeit hört auf, der Blick richtet sich nach vorn. Da will man mit den Sechs- oder Siebenjährigen, die von nichts, aber rein gar nichts eine Ahnung haben, kaum noch etwas zu tun haben.
Und die Kindergartenzeit liegt eine Ewigkeit zurück. Man erwartet Achtung von den Jüngeren, man will, dass sie aufblicken, dem Alter „Respekt“ zollen.
Nicht selten erhält in Familien die Geschwisterrivalität dann nochmals eine besondere Qualität. Die Älteren gehen mit ihren jüngeren Geschwistern geringschätzig um, behandeln sie von oben herab, lassen keinen Zweifel daran, wer das Sagen hat. Und wehe, die „Kleineren“ begehren auf, lassen sich nicht mehr alles gefallen – dann können die „Größeren“ ausgesprochen gemein und fies sein.
Der Blick richtet sich von nun an nach vorn. Es beginnt das körperliche Brodeln, das die Umgestaltung ankündigt, die man Pubertät nennt. Bei den Mädchen fängt diese Phase früher an als bei den Jungen. Das Gewohnte gilt nun nicht mehr, Offenheit ist angesagt. Man will die Verhältnisse zum Tanzen bringen, ihnen den Willen aufzwingen. Die Heranwachsenden fordern viel Freiheit, nehmen aber kaum Verantwortung wahr. Mithilfe im Haushalt ist ein Übel, unter aller Würde. Alle anderen dürfen eh immer mehr, man fühlt sich eingeschränkt, nicht anerkannt, als kleines, unmündiges Kind behandelt. Und dabei ist man schließlich schon fast erwachsen.
Aber – und das ist nur ein scheinbarer Widerspruch - zugleich macht die Freiheit, nach der man verlangt, auch Angst. Und so steckt in einem elfjährigen Kind, das körperlich groß ist und entsprechend respektiert werden will, zugleich ein „kleines“, das viel emotionalen Zuspruch braucht, das manchmal -wenn auch unsichtbar- an die Hand genommen werden möchte, weil Freiheit und Offenheit eben nicht allein eine Herausforderung darstellen, sondern auch klein und zaghaft machen können.
Auch wenn Eigenständigkeit, wenn Abgrenzung zu den Eltern, wenn das Zusammensein mit Gleichaltrigen angesagt ist, bleiben Vater und Mutter, bleibt die Welt der Erwachsenen wichtig, weil sie Verlässlichkeit darstellt.
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![]() | | März 2011Wie Väter ihren Kindern |
Johannes Bach, Vater des sechsjährigen Jakob, erzählt: „Mein leitender Erziehungsgedanke war: 'Bloß nicht wie der Alte früher werden.' Seine Fehler habe ich nicht gemacht, dafür andere! Mein Jüngster, der Jakob, hat mich drauf gebracht.“
Er habe sich ständig unter Druck gesetzt, um bei seinen Kindern zu sein. Häufig sei er abgespannt von der Arbeit gekommen. „Ich war nervös. Das hat sich auf die Kinder übertragen. Die wurden auch unruhiger.
So gab’s Stress und noch mehr Konflikte, obgleich wir uns auf unsere Gemeinsamkeit freuten.“ Er habe sich mit seiner Frau über die unerklärlichen Auseinandersetzungen unterhalten. Jakob habe still dabeigesessen, dann sehr bestimmt gesagt: „Papa, wenn du nach Hause kommst, schlaf doch erst mal und dann spielst du mit uns. Du spielst nur, weil du ein Buch über gute Papas gelesen hast.“ – „Tja“, resümiert Johannes, „mein Sohn hat mir die Augen geöffnet. Seit einiger Zeit ruhe ich mich erst aus und kann mich danach auf die Kinder besser einlassen.“
Kinder sind genaue Beobachter ihrer Umwelt. Sie haben ein Gespür für Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Sie sehen im Vater einen wichtigen Partner, der mütterliche Erziehungseinflüsse ergänzen, begleiten und –wo erforderlich- auch kompensieren kann. Doch zugleich sind Kinder großzügig und erteilen Absolution, falls der väterliche Zeitkuchen geringer ausfällt, als sie es hoffen. Dann braucht es keine Torte zu sein, dann tut es auch ein trockener Sandkuchen, um den Hunger nach väterlicher Zuwendung zu befriedigen. Es kommt weniger darauf an, wie viel Zeit mit dem Kind verbracht wird, sondern darauf, wie intensiv man sie ihm widmet.
„Aber was heißt denn nun richtig mit dem Kind verbrachte Zeit“, will ein Vater von mir wissen.
„Sie zeichnet sich“, antworte ich spontan „durch Wärme und Zuneigung, Nähe und Anteilnahme aus.“
Zwei Gesichtspunkte gilt es dabei zu bedenken: Es gibt Tagesabläufe und Berufe, die einer Vater-Kind-Beziehung nur weinig Zeit lassen. Aber auch kürzere Zeitabschnitte können entspannt gestaltet werden. Aus der Sicht der Kinder ist es bedeutsam, dass sie das Gefühl haben, ihr Vater sei bei der Sache. Kinder wollen Vätern erzählen, was sie am Tage erlebt haben. Und Kinder wollen wissen, wie der Tag des Vaters war. Kinder sind gute Zuhörer. Als konstruktiv hat sich die Einführung von Ritualen erwiesen.
Festgelegte Rituale haben den ungemeinen Vorteil, das Zusammensein nicht ständig ausdiskutieren und neu festlegen zu müssen. Das erspart Stress und bietet den Kindern Sicherheit, dass der Vater sie nicht vergessen hat. Und umgekehrt gilt: Für den Vater sind solche Termin Fixpunkte wie andere auch –und werden nicht gerade noch eben in den Terminkalender gequetscht. Hat man allerdings Rituale abgesprochen, ist es wichtig, diese auch unbedingt einzuhalten. Rituale bringen Normalität mit sich, können helfen, den Erwartungsdruck zu minimieren, den sich Väter wie Kinder auferlegen.
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![]() | Februar 2011 Robin kämpft um Aufmerksamkeit |
Robin, dreieinhalb, ein kräftiger, untersetzter Bursche, hat „eine problematische Familiengeschichte. Die Eltern leben in Trennung, die Mutter hat mit einem anderen Partner ein Kind,“ so Magda Philip, Robins Erzieherin. „Robin läuft mehr oder minder nebenher. Umso mehr freut er sich auf den Kindergarten, vor allem auf mich.“
Magda mag ihren Robin, den kleinen „Terminator“. Wenn er morgens in den Kindergarten kommt, ist er noch nicht wirklich angekommen. Dazu bedarf es eines Rituals. Wenn Robin den Kindergarten betritt, baut er sich vor Magda auf. Sie lächelt ihn an, dann haut sie ihm zärtlich mit der rechten Hand auf den Po, er stolpert einige Schritte nach vorne, dreht sich um und lächelt sie an: „Hallo!“ Dieses Ritual gehört dazu. Ohne dieses Ritual fühlt sich Robin unwohl, ist weder geistig noch körperlich im Kindergarten angekommen.
Das wussten alle. Doch an diesem Morgen war alles anders. Magda war alleine, musste sich um Ricarda kümmern, nicht mal drei Jahre alt, die erbärmlich weinte. Ricarda war vor dem Kindergarten hingefallen und hatte sich an den Knien verletzt. Magda kümmerte sich liebevoll um sie, tröstete sie, streichelte die Kleine. Aber Ricarda ließ sich kaum beruhigen. Tränen kullerten über ihr Gesicht, sie schluchzte jämmerlich.
In diesem Moment kam Robin in den Raum, stellte sich vor Magda - in Erwartung des Rituals.
„Gleich, Robin,“ sagte sie freundlich
„Hallo!“, sagte er deutlich und stampfte mit dem Fuß auf.
Magda ignorierte das, weil Ricarda ihr alle Aufmerksamkeit abverlangte.
„Hallo!“, rief Robin noch lauter.
„Hallo!“, wiederholte er dringlicher.
„Gleich, Robin!“ Magda wurde etwas ungeduldig. „Nun zieh dich schon aus! Ich hab doch zu tun! Siehst du das nicht?“
Robin drehte ab, ging schnurstracks in die Puppenecke, schnappte sich die dreijährige Felizitas, versetzte ihr einen Schienbeintritt und schubste sie, sodass sie auf den Rücken fiel und laut aufschrie. Das alarmierte Magda, die sofort angerannt kam und Robin wütend anstarrte: „Warum hast du das gemacht?“ Robin zuckte gleichmütig mit den Schultern: „Darum!“
„Er muss doch,“ so Magda Philip später „er muss doch auch mal abwarten können. Das kann man doch erwarten. Und es muss doch wirklich nicht immer nur nach seiner Pfeife gehen, oder?“
So wie Robin erfahren manche Kinder schon früh: Wenn sie sich angemessen verhalten, werden sie häufig übersehen. Man gibt ihnen keine besondere Aufmerksamkeit. Nur wenn sie aufbrausen, zerstörerisch gegen andere oder Sachen agieren – so die Erfahrung vieler Kinder- werden sie bemerkt. Dann erhalten sie zwar keine positive Zuwendung, dann werden sie reglementiert, angeschrieen oder bestraft. Aber immerhin haben sie so das Gefühl, bemerkt worden zu sein. Kinder, die einmal gelernt haben.
Dass Stören und Zerstören, Schlagen und Treten deshalb Spaß machen können, weil sie Aufmerksamkeit garantieren, dazu führen, im Mittelpunkt zu stehen, sind nur dann gewillt, von ihrem destruktiven Tun abzulassen, wenn man ihnen Alternativen anbietet, ihnen zeigt, wie sie durch schöpferische Aktionen positiven Zuspruch erfahren können.
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| | Januar 2011Was Kinder heute brauchen |
Fragt man Kinder danach, was sie von ihren Eltern und Bezugspersonen wollen, so werden vier Wünsche genannt:
Nehmt uns so an, wie wir sind!
Vergleicht uns nicht immer!
Lasst uns Zeit für unsere Entwicklung!
Beobachtet und bewertet uns nicht immer!
Daraus resultieren drei Grundhaltungen:
Erziehung ist Beziehung.
Erziehung ist nicht Vorbereitung auf das Leben, sondern das Leben selbst.
Erziehung vollzieht sich in der Spannung von halten und loslassen.
Soviel Eltern gegenwärtig über Erziehung wissen, so lückenhaft sind ihre Informationen über die Entwicklung von Kindern. Und dies bringt Probleme mit sich. Anders formuliert: Im kindlichen Handeln drückt sich eben nicht allein ein elterlicher Erziehungsstil aus, kindliche Handlungsmuster sind zugleich Spiegel von Entwicklungsstufen, die ein Kind durchläuft, sind Ausdruck seines Temperaments, seines Charakters oder seiner Individualität.
Kinder kommen nicht als unbeschriebene Blätter auf die Welt. Und das ist gut so: Es wäre ja noch schöner, wenn Eltern die Blätter selber bekritzeln könnten, um sie dann, wenn ihnen etwas nicht passt, zu löschen. Nein, Kinder sind beschriebene Blätter, auf denen die Einzigartigkeit eines jeden Kindes festgelegt ist. Damit ist elterliches Handeln keinesfalls überflüssig: Eltern stellen aus den beschriebenen Blättern das Buch des Lebens zusammen, wie es für viele Jahre gültig ist – nicht mehr und nicht weniger.
Es geht in der Erziehung zunächst nicht um die Vermittlung von Erziehungstechniken. Im Vordergrund stehen vielmehr Haltungen, die man dem Kind gegenüber einnimmt.
Kinder wollen in den einzelnen Entwicklungsstufen begleitet und nicht gehetzt, aber auch nicht festgehalten werden.
Wenn Kinder vier Jahre alt sind, dann sind sie vier und nicht sechs, wenn sie sechs sind, dann sind sie sechs und nicht neun, ... usw.
Doch Eltern und Kinder sind zugleich gleichwertig. Eltern sind nicht nur Lehrer, sie sind auch Schüler, und Kinder sind nicht nur Schüler, sie sind auch Lehrer – manchmal langmütiger, spontaner, manchmal einfühlsamer und geduldiger als Eltern. Kinder ernst zu nehmen, meint eben auch, sie als Lehrer zu begreifen, von denen man viel erfahren kann. Mit Kindern zu leben, heißt nicht für sie zu leben, sondern gemeinsam mit ihnen zu leben und zu lernen.
Kinder brauchen Halt gebende nicht aber klammernde Eltern. Sie brauchen Erwachsene, die ihnen Wurzel und Flügel verleihen – Wurzeln, um mit der Erde verbunden zu bleiben. Wurzeln zeigen Kindern an, woher sie kommen. Wurzeln zeigen Kindern die Traditionen, die Großeltern und Eltern geprägt haben. Die Aufgabe der Kinder besteht darin, diese Traditionen daraufhin abzuklopfen, welche für sie zukünftig gültig sind, welche über Bord geworfen werden können. Kinder entscheiden, welche Normen und Werte sie im Rucksack des Lebens verstauen, welche sie zurücklassen. Mit diesem Rucksack und ausgestattet mit Flügeln machen sie sich auf den Weg.
Der Weg ist dabei das Ziel. Und dann kommen Kinder kurz zurück, um von der weiten Welt zu erzählen, von den Wegen, den Irr- und Umwegen und um den Rucksack wieder aufzufüllen für die nächsten Etappen.
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![]() | | Dezember 2010Großeltern erziehen anders |
Wenn sie von den Großeltern kommt, nervt die dreijährige Sabine ihre Mutter, bei Oma und Opa dürfe sie alles, die erlaubten viel mehr. „Ich glaube, die mögen mich lieber,“ schleudert Sabine eines Tages ihrer Mutter entgegen.
Die überhört das und erwidert einigermaßen ruhig: „So was kannst du mit Oma und Opa machen, aber nicht mit mir!“ Sabines zornige Reaktion: „Dann kann ich ja gleich bei euch ausziehen!“ Dieser Satz macht Sabines Mutter zuerst sprachlos, dann wird sie wütend auf die eigenen Eltern, „weil die sich mit ihrer Großzügigkeit in meine Erziehung einmischen und es mir schwer machen.“
Ein Stoßseufzer, den man in mancher Familie hört: Nervereien zwischen Eltern und Großeltern über die Erziehung der Kinder. Momentane Irritationen sind normal – mal einfacher, mal nur mit Geduld und Gelassenheit zu lösen.
Kinder brauchen ihre Eltern genauso wie die Großeltern, die ihnen Verlässlichkeit und Sicherheit vermitteln.
![]() | | Großeltern erleben die Beziehung zu ihren Enkeln als Phase einer zweiten
Elternschaft. Der unmittelbaren Verantwortung entzogen, erziehen sie
großzügiger und toleranter. Viele Großeltern tun alles, um die
Bedürfnisse ihrer Enkel zu befriedigen, ja Wünsche der Enkel klingen in
den Ohren von Großeltern wie angenehme Befehle. |
Der französische Philosoph Jean Paul Sartre hat das in seinen Lebenserinnerungen so ausgedrückt: „Ich konnte meine Großmutter in Entzücken versetzen, nur weil ich Hunger hatte.“
Die gelassene (nicht gleichgültige!) Beziehung mancher Großeltern zu den Enkeln bringt freilich Erziehungsstile mit sich, die es den Eltern nicht gerade leicht machen. Viele Eltern reagieren besorgt: „Verwirren solche Unterschiede nicht die Kinder? Wissen sie überhaupt, woran sie sich halten können?“
Dabei erfahren Kinder sehr schnell: Der Kontakt zu den Eltern ist ein anderer als der zu den Großeltern. Das Kind vergleicht natürlich Erziehungsstile, bewertet sie. Ein Problem ergibt sich nur dann, wenn sich Eltern und Großeltern darüber auseinander setzen, wer „besser“, „richtiger“ erzieht oder wer „Recht hat“.
Wenn die großelterliche Erziehungshaltung gegen die elterliche ausgespielt wird, bringt das Kinder in Konflikte: Einerseits mögen sie ihre Eltern, andrerseits die Großeltern –aber beide eben auf eine ganz eigene Weise.
Großeltern sind eine Bereicherung für ihre Enkelkinder, wenn alle Familienmitglieder sich an einfache Selbstverständlichkeiten im Zusammenleben halten:
° Großeltern können lernen, die Kontrolle über die eigenen Kinder aufzugeben. Die Eltern von heute brauchen Unterstützung und Begleitung, nicht ständige Versorgung und die ungebetene Einmischung.
° Großeltern erleben sich häufig in einer widersprüchlichen Position. Einerseits sind sie als Babysitter, als Aufpasser gerne gesehen, andrerseits möchten viele Eltern Oma und Opa am liebsten bewachen, damit sie ähnlich erziehen. Das ist eine Überforderung. Großeltern erziehen anders und pflegen eigenständige Beziehungen zu ihren Enkeln. Es ist wenig sinnvoll, Großeltern verändern zu wollen. Sie haben eigene Erfahrungen gemacht, die für sie absolute Gültigkeit besitzen. Viele Großeltern sind sogar bereit, sich selber zu verändern, nur bestimmen sie das Tempo dieses Prozesses selbst.
° Wer seine Kinder den Großeltern anvertraut, gibt zugleich Verantwortung ab. Vertrauen Sie Ihrem Kind, dass es selbst die Unterschiede erkennt, Vor- und Nachteile abwägt. Kinder sind durchaus in der Lage, die spezifischen Erziehungsstile zu bewerten.
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![]() | | November 2010 „Seit er diese Freunde hat...“ |
„Ich habe drei Freunde,“ erzählt mir der achtjährige Tim. „Der eine, der ist mein bester Freund ... Aber der hat nicht immer Zeit. Und dann gehe ich zu einem der beiden anderen.“
„Ich finde meine Freunde toll,“ lacht der siebenjährige
Maximilian. „Da sind wir unter uns und machen Quatsch. Und reden nicht immer
von der Schule.“
„Also,“ berichtet die neunjährige Franziska, „ich hab eine beste Freundin, mit der mache ich alles zusammen. Und mit der kann ich auch über alles reden. Neulich wollte mich doch der Jan küssen ... Das war blöd.“ Ihrer Mutter könne sie das nicht sagen. „Die fällt doch gleich in Ohnmacht!“
| „Also,“ berichtet die neunjährige Franziska, „ich hab eine beste Freundin, mit der mache ich alles zusammen. Und mit der kann ich auch über alles reden. Neulich wollte mich doch der Jan küssen ... Das war blöd.“ Ihrer Mutter könne sie das nicht sagen. „Die fällt doch gleich in Ohnmacht!“ Die Zeit des Übergangs zwischen dem fünften und neunten Lebensjahr stellt sich als eine Phase der Loslösung aus gewachsenen Strukturen und der Hinwendung zu neuen Ufern dar. Was sich schon am Ende des Kindergartens andeutete, setzt sich mit Beginn des Schulalters fort: | | ![]() Fotohinweis: siehe unten |
Freunde werden nun als Bezugspersonen wichtig. Neben das über Vater und Mutter vermittelte Lernen tritt nun das Lernen der Kinder durch Kinder. Und vielen Eltern ist dies durchaus ein Gräuel.
Sie meinen, Kinder geraten unter sonderbare Einflüsse, die dann nicht mehr zu kontrollieren, geschweige denn zu kompensieren sind. Tatsächlich wird die Familienerziehung durch den Einfluss der Gleichaltrigen nicht unbedingt leichter, finden Kinder doch mit einer unnachahmlichen Treffsicherheit die für sie passenden Freunde. Das sind meist diejenigen, die den Eltern nicht passen.
Greifen Freunde erst einmal mit ihren Auffassungen in das elterliche Erziehungsgeschehen ein, dann ist nichts mehr, wie es einmal war. Und genau das ist wichtig, nehmen Gleichaltrige doch einen zentralen Raum in der Erziehung und der Entwicklung von Kindern ein.
Sie ersetzen die Eltern nicht, aber Gleichaltrige haben zwei wichtige Aufgaben:
- Sie relativieren elterliche Macht, ohne ihnen aber tatsächlich das Wasser abzugraben. Eltern bleiben zentrale Bezugspunkte
- Soziales Lernen vollzieht sich in gleichaltrigen Gruppen. Hier lernen die Heranwachsenden, sich unter- und einzuordnen. Hier müssen sie sich behaupten und um die Gunst von anderen Kindern buhlen, mit Frustrationen und Ablehnung, mit Trauer und tränen fertig werden.
So wichtig der Einfluss der freunde sein mag, die Gruppe ist längst kein Ort von Glückseligkeit, der Gleichberechtigung, basisdemokratischer Harmonie. Bei Gleichaltrigen geht es manchmal grob und gemein zu, deshalb sollte man sich davor hüten, die gleichaltrigen Gruppen zu idealisieren. Dort wird nicht ständig geredet oder diskutiert, dort wird gehandelt. Wenn der Fünfjährige gegen den Achtjährigen aufbegehrt, dann wird er in die Schranken gewiesen. Und der Fünfjährige lässt sich das gefallen, weil er weiß, in drei Jahren bin ich acht, und Fünfjährige wachsen immer nach.
Damit ist ein zentrales Moment des Lernens in der Gruppe umschrieben. Kinder lernen, verschiedene Rollen zu übernehmen – mal ordnen sie sich unter, dann begehren sie auf, in der nächsten Situation laufen sie wieder mit. Es ist der Wechsel der Rollen – mal Akzeptanz der Hierarchie, mal Auflehnung, mal der „Bestimmer“ sein, mal zum Mitläufer werden - der die Freundesgruppe so interessant macht.
![]() | | Oktober 2010 Von Banden, bösen Buben und braven Mädchen |
„Freunde können Dinge sagen,“ pflichtet ihr ein Vater bei, „die nimmt mein Sohn widerspruchslos hin. Wenn ich das sagen würde, gibt’s sofort ne Diskussion.“
Hier ist etwas angesprochen, was manche Erwachsene mit einiger Irritation beobachten. Freundschaftsgruppen können bei den 5 bis 8jährigen sehr hierarchisch aufgebaut sein. Man ordnet sich einem führenden Kopf unter. Und manches Kind, das sich in dieser Lebensphase nicht mehr den Eltern unterordnen will, sich ständig an mütterliche und väterlicher Autorität reibt, ordnet sich widerspruchslos in eine Gruppe ein, ja dem Anführer der Gruppe unter.
Die echten Freundschaftsgruppen – von Erwachsenen manchmal auch mit irritierendem Unterton „Banden“ genannt - zeichnen sich durch einige Eigenschaften aus:
° In einer echten Gruppe herrscht eine eigene Kultur vor, die sich in gemeinsamen Ritualen niederschlägt. Das können Geheimsprachen ebenso wie gemeinsame Interessen oder Vorlieben sein. Dadurch unterscheidet man sich von Gruppen, bzw. Banden, die anderen Interessen nachgehen.
| ° Freundschaften unter Kindern machen die Ablösung von
den Eltern erträglich. Man grenzt sich, setzt sich von ihnen ab und findet im
„besten“ Freund, in der „besten“ Freundin neue Bezugspersonen, die einem Halt
geben. Und in der gemeinsamen Solidarität gegenüber der Welt der Erwachsenen
entsteht ein einigendes Band. Je verständnisloser die Erwachsenen auf die Symbole der Kinder – sei es die Sprache, seien es die Rituale - reagieren, desto mehr fühlen sich die Freunde und Freundinnen auf dem richtigen Weg. Sie wollen auch nicht verstanden werden. Man will unter sich sein, unter sich bleiben. Erwachsene stören da nur. Man will spielen, blödeln, Witze machen, Tricks ausprobieren, mal eine Gegenwelt konstruieren, in der alles möglich ist. Man will träumen, abtauchen, die Realität, die Schule, die Hausaufgaben, die Zwänge überwinden. | | ![]() Fotohinweis: siehe unten |
„Warum gibt es eigentlich in dieser Zeit so wenig
Freundschaften zwischen Buben und Mädchen?“, fragt Katrin Schuldt erstaunt.
„Warum müssen Buben und Mädchen manchmal nur so ekelig miteinander umgehen?“
Auffällig ist, dass sich um das sechste, siebte Lebensjahr geschlechtshomogene
Gruppen herauskristallisieren. Buben lehnen die Mädchen, Mädchen die Buben
vehement ab. Gemischtgeschlechtliche Freundschaften existieren eher in Nischen,
sie stellen eine Ausnahme dar. Dies schließt nicht aus, dass in der
unmittelbaren Umgebung eines Kindes sehr wohl locker verwobene Netzwerke
bestehen, in denen Buben und Mädchen konstruktiv kooperieren. Dies geschieht
allerdings eher projekt- und situationsbezogen.
Die Abgrenzung vom anderen Geschlecht dient in dieser Zeit der Ausbildung einer Buben- bzw. Mädchenidentität. Erst wenn diese abgeschlossen ist, gehen die Geschlechter wieder aufeinander zu, sind sie bereit, Freundschaften einzugehen. Davor sind Freundschaften zwischen Buben und Mädchen häufig der Gegenstand von Witzen. Über solche Bindungen spottet man und es bedarf eines gehörigen Selbstbewusstseins, diese aufrecht zu erhalten und im Alltag umzusetzen.
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![]() | | September 2010 Auch Großeltern müssen ihre Rolle erst finden |
![]() Fotohinweis: siehe unten | Aber das sei doch normal, lenkt Waltraud Schneider, Oma zweier Enkel ein: „Man muss sich eben an vieles gewöhnen. Am Anfang war ich fürchterlich besserwisserisch. Ich hab meine Tochter wie ein kleines Mädchen behandelt, ständig Vorschläge gemacht, wusste alles besser. Bis meiner Tochter der Kragen geplatzt ist und sie mir die Grenzen aufgezeigt hat.“ Sie sei schrecklich beleidigt ge- |
Großeltern müssen ihre Rolle allmählich finden - genauso wie es die Eltern tun, wenn Kinder geboren werden. Man braucht mithin Zeit und Gelassenheit, darf sich nicht unter Druck und Stress setzen. Wenn Enkelkinder kommen, müssen Eltern und Großeltern die Beziehung auf ein neues Fundament stellen.
Für die Großeltern gilt es, die Kinder, die nun selber Eltern sind, anders zu sehen, ihnen das Recht auf ein eigenständiges Leben und eine Bewältigung ihrer Erziehungsaufgabe zu lassen – das heißt auch, ihnen das Recht auf Fehler zuzubilligen. So wichtig und notwendig der Erfahrungsvorsprung der Großeltern ist, Lebensweisheit darf nicht zur Bevormundung und als Machtinstrument missbraucht werden. Wird dies von den Eltern so empfunden, ziehen sie sich von den Großeltern zurück, bauen einen Schutzwall auf, um das Enkelkind von Oma und Opa fernzuhalten. Großelterliche Besserwissereien führen zu Blockaden und der noch so gut gemeinte Rat-Schlag wird als pädagogischer Schlag der besonderen Art empfunden. Deshalb heißt es: Hilfe ja, aber Einmischung nein.
Aber man kann mit dem Erfahrungswissen, das Oma und Opa besitzen, auch produktiv umgehen. Großeltern können Erziehungsaufgaben übernehmen, den Enkeln lebensgeschichtliche Kontinuität vermitteln – wobei klar sein muss, wer letztlich die Erziehungsverantwortung hat: Die Eltern!
Einige Grundsätze können es Großeltern erleichtern, ihre Rolle zu finden:
° Bedenken Sie, dass Ihr Kind zum Vater oder zur Mutter geworden ist und nicht mehr bevormundet, sondern begleitet sein will.
° Die Eltern haben das Sagen, die Erziehungsverantwortung. Genießen Sie die Freiräume, die eben dadurch entstehen. Treten Sie aber als Großeltern nicht in Konkurrenz zu den Eltern.
° Geben Sie dann Hilfe und Unterstützung, wenn diese gewünscht werden –und zwar bedingungslos.
° Großeltern brauchen Zeit, um zu ihrer Rolle zu finden. Das kann eine Zeit der Reibung und Krisen sein. Denn: Enkelkinder fordern Oma und Opa und Eltern heraus!
° Großeltern und Eltern müssen ihr Verhältnis auf eine neue Basis stellen, die umso tragfähiger ist, je mehr sich alle Beteiligten Räume lassen, sich zu entfalten.
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